Ambitioniert: Die Tanzperformance “Lepidoptera” im Freiburger Kunstverein
So viele junge Leute sieht man im Kunstverein Freiburg selten: Auf Klappstühlen, Bänken und Matten sitzen sie entlang der schwarzen Wände. Wer noch Platz braucht, steigt vorsichtig über das Sammelsurium aus Kabeln, Laptops, Verstärkern, Bodenscheinwerfern und unterschiedlichen Instrumenten. Ein ambitioniertes Projekt hat die Tänzerin Anica Wolffrom initiiert: Unter dem Namen Lepidoptera (deutsch: Schmetterling) erarbeiteten vier Studenten der Medienkunst von der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe eine Performance mit sieben Tänzerinnen und Tänzern der Ausbildungsklassen von bewegungs-art, der Freibuger Schule für Tanz und Improvisation. Thema: Die Erfahrung von Verlust und ihr körperlicher Ausdruck (Konzept: Anica Wolffrom, Amos Unger).
Mit verzerrtem Gewisper und Geflüster fängt es an: Während noch blaue Lichter über den Boden irrlichtern, schälen sich dickvermummte Schemen aus der Dunkelheit: “Ich will nach Hause!” drängt eine kleine dringliche Stimme aus der sich steigernden Kakophonie der Stimmen. Nach und nach werden Mützen, Schals und Mäntel weggeworfen und die Körper zucken schutzlos auf dem Boden.
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Die vier Musiker der Gruppe “Autonome Klanggeneration” bieten eine dichte, inspirierende Kulisse: Brüchig und aufgeraut experimentieren sie mit Elementen aus Elektro-Sound, Free Jazz, Rock und Blues, lassen die Trompete wie einen liebeskranken Elefanten schmachten, den Syntesizer blubbern, die E-Gitarre grooven, weben hauchdünne Klangteppiche, die plötzlich zerreißen, ins Chaos explodieren oder sich unvermittelt zur Melodie ordnen. Immer wieder überraschend kreieren sie einen facettenreichen Film, auf dessen Tonspur die Tänzer sich bewegen.
Schnelle Fluchten, Verstörung, Erschütterung und Einsamkeit lassen sich an den kraftvoll agierenden Körpern ablesen. Zart nähert man sich an, rüde lässt man sich wieder fallen, mit Lust erprobt man neue Schritte. Mal hingeworfen wie Puppen mit kaputten Gliedern, mal in akrobatischer Zwanghaftigkeit, in stereotype Bewegungsmuster gefangen. Auch direkt mischen sich die Musiker in das Bühnengeschehen ein: Improvisieren zu den Bewegungen der Tänzer, nehmen Impulse auf und setzen neue. Sehr schöne Bilder gibt es da und sogar einen Geschmack von Leichtigkeit und Ironie. Ein spannendes Experiment in dafür perfekt geeigneten Räumlichkeiten.
Marion Klötzer, Badische Zeitung 4.März 2008